Der neue Bahnhof Neuberg

Der alte Bahnhof Neuberg, eröffnet 1879, geschlossen 1996, in den letzten paar Jahren viel schneller gealtert als in den ersten 100 Jahren, wird wieder neu.

Wie macht man einen Bahnhof wieder neu, an dem keine Züge mehr vorüberziehen oder Halt machen und der keine Bahnsteige oder Gleise hat? Ist der Bahnhof Neuberg wirklich immer noch ein Bahnhof?

Bahnen gibt es noch viele am Neuberger Himmel - die Bahnen der Sterne und Planeten gibt es, die Mondbahn gibt es und die Sonnenbahn und die Flugbahnen der Schwalben. Die Wasser bahnen sich ihre Wege ins Tal, der Wind sich seinen Weg. In allen Himmelsrichtungen liegen um den Neuberger Bahnhof die Wildbahnen. Schlittenspuren im Winter auf der Schlittenbahn. Diese und jener beginnt eine Laufbahn. Setzen wir den Bahnhof auf eine neue Umlaufbahn, setzen wir ihn in Bewegung, da die Eisenbahn mit den Zugreisenden nicht mehr zu ihm kommen kann.

Kein Curriculum

Am Neuberg College gibt es keine Trennung von Arbeit und Spiel, Forschung und Handwerk, von Curriculum und außer-curriculären Tätigkeiten. Die Beteilgten am Neuberg College forschen, arbeiten, wandern und essen gemeinsam; sie bilden ein tatsächliches Collegium (lat. colligere: zusammenbringen, sammeln), eine wirkliche Genossenschaft.
Am Neuberg College gibt es keine Trennung zwischen Lernenden und Lehrenden, sondern stetigen und freien Austausch, ohne feste Rollen oder Privilegien. Auch die nicht-geistigen Tätigkeiten werden von allen mitgetragen, dazu zählt auch die Arbeit am und rund um das Bahnhofsgebäude.
Das Curriculum baut auf die Eigeninitiative und Verantwortung aller Beteiligten.

Präambel

Die Gründung des Neuberg College ist inspiriert von einigen Ein­sich­­ten:    1   Wer lehrt, lernt, und diejenigen, die lernen, lehren. Geschaf­fen wird ein College, an dem diese Gleichung aufgestellt und auf die Probe gestellt werden kann.    2   Denken ist unabschließbar, führt nicht zu einem Ende, mün­det in keine endgültigen Resultate. Es erfordert Mut zu Übertretung, immer neuen Anfängen und Entspezialisierung.    3   Vielstimmiges, widerspruchrei­fes und fehlerfreundliches Arbeiten (sine ira et studio) findet in Studium und Wissenschaft zu wenig Aner­kennung und Förderung. Das Neuberg College gibt diesem Arbeiten Raum und Räume.    4   Das Schließen und das Ab­schlie­ßen in Handeln und Denken werden zu selten in Frage gestellt. Das Übersetzen erlaubt Ein­übung ins Offene; wer ein Werk übersetzt, öffnet es.    5   Kunst und Wissenschaft streben scheinbar auseinander. Im Neuberg College können sie einan­der befragen und ergänzen.    6   Besonders wertvoll für das Neuberg College sind Spar­samkeit im Um­gang mit den Mitteln und Aufmerksamkeit für kleine Größe und Unbedeutendes; das Neuberg College arbeitet mikroskopisch, doch über Grenzen hinweg.    7   Das Neuberg College orientiert sich an der ·Fröhlichen Pädagogik· Janusz Korczaks, an seiner Schutz und Lachen verbindenden Lehre, die es ihm erlaub­te, den Ernst, die Bedächtigkeit und die Ausgeglichenheit von Kindern zu fin­den, ihre große Andersheit und Fremdheit, ihr Kapital an gerechten Ansichten und Urteilen, ihre taktvolle Zurückhaltung und ihr untrügliches Gefühl für das Richtige zu entdecken, zu achten und schließlich in politisch gefährlichen Zeiten zu verteidigen.    8   Das Neuberg College spricht sich explizit gegen jede Form von Diskriminierung aus und setzt sich aktiv mit internalisierten Diskriminierungsmustern auseinander.

Aus diesen acht Punkten erschließt sich: Die kollektive, soziale Arbeits­form des Neuberg College (lat. colligere: gesellig auflesen, lesen, sammeln, ern­ten). Denken soll immer gemeinnützig sein; das Neuberg College hat nicht Besitzer*innen sondern Beteiligte; maßgeblich zu seiner Arbeitsweise gehört ein Arbeiten in Gesellschaft an Gesellschaft.

Ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen (Sprichwort aus dem Nguni).

 

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